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Oft wird in der Diskussion über Klassengrößen gestaunt, wie viele Kinder in den Klassen von Waldorfschulen sind, im Schnitt vierzig. In Staatsschulen liegt der Klassenteiler knapp über dreissig. „So riesige Klassen,“ ist oft die Reaktion, „das ist eine Leistung.“ Ja, ist es zweifelsohne, schon auch wegen des Spagats einer im Grunde einzügigen Gesamtschule. Aber dann doch nicht so sehr, vergleicht man mit dem unterschiedlichen Klassenteiler letztlich doch Äpfel und Birnen. Denn wenn die Lehrerin/der Lehrer an staatlichen Schulen eine sehr heterogene Gruppe vor sich hat – sozialer Hintergrund, Migrationshintergrund -, so ist das Klientel an Waldorfschulen doch sehr homogen: Ein geringer, um nicht zu sagen, geringster Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund und auch sozial liegen die Elternhäuser nicht weit auseinander. Das Bildungsbürgertum ist da unter sich und Problemfälle sind vergleichsweise selten.

Besonders behütet, besonders erzogen – die Kinder von Waldorfpädagogen. Das fruchtet doch sicher, oder?

„Wenn sie jung sind, sitzen sie auf der Mauer und sehen aus, als könnten sie nie etwas tut; werden sie älter, hüpfen sie herunter und legen los!“

… meinte eine Freundin, die vier Kinder durch die Waldorfschule geschleust hat und reiche Erfahrungen damit hatte, dass überproportional viele Sprößlinge von Waldorfpädagogen unter jenen sind, die mobben. Harte Aussage? Auch unsere Erfahrung – und natürlich schaut man als Lehrkraft tendenziell eher weg, wenn Kinder von Kolleginnen und Kollegen betroffen sind. Jedenfalls haben wir es nie erlebt, dass jene Kinder und deren Verhalten einmal thematisiert worden wäre. Ein besonderer Treppenwitz besteht darin, dass die eigenen Kinder als „waldimässig“ und „Waldörfler“ beschimpft werden von jenen, die es sind. Verkehrte Welt, ich seh’ Dich gerne!

In einer der häufigen Schulpädagogik-Diskussionen in den Medien letzter Zeit las ich auch einen Leserbrief einer Waldorfpädagogik-Befürworterin, die darauf hinwies, dass die Waldorfschule selbstverwaltet sei und Lehrer/innen sogar gekündigt werden könnten!
Was heißt „Selbstverwaltung“ schon, wenn die Schüler allenfalls ab der Oberstufe eine SMV bilden können, wenn die Eltern, die an der Selbstverwaltung teilnehmen, „Gläubige“ sind (wer sonst nimmt es schon auf sich, dieses Zeitbudget neben Arbeit und Familie zu stemmen?) und wenn zudem die Lehrer (berufs-)lebenslang an der Schule sind, während die Eltern „durchlaufen“, d.h. irgendwann, wenn ihre Kinder die Schule verlassen, ebenfalls die Selbstverwaltungsgremien verlassen. Strukturell führt dies zu einer Machtstellung der Pädagogen, die diese im Interessenskonflikt auch ausspielen. Die „Selbstverwaltung“ ist ein Papiertiger: Bis einmal ein/e unfähige/r Lehrer/in gekündigt wird, muss ganz massiv etwas geschehen sein. Sonst sieht man lieber drüber hinweg und zieht schwache Kräfte mit durch. Schlussendlich ist man ja an der Waldorfschule ebenso froh wie an der Staatsschule, wenn die Fehlstunden nicht überhandnehmen …

In einer neueren „Erziehungskunst“ wird Bezug genommen auf einen „bedeutsamen“ Gedanken Rudolf Steiners: Für den „modernen“ Lehrer gelte es festzustellen, ob er eine „ersprießliche Beziehung“ zum werdenden Menschen herstellen könne, ob er mit seiner ganzen Seele untertauchen könne in das Wesen des werdenden Menschen.
Nun, das sind immer so die netten Ansprüche, mit denen man konfrontiert wird, wenn Waldorfpädagogik und ihre besondere Qualität ins Spiel kommt. An unserem Fall kann man sehen, dass eine Lehrerin bezüglich eines solchen Ansatzes total versagt – und dies nicht nur in unserem Fall, sondern in schöner Regelmäßigkeit in Jahresfrist immer wieder aufs Neue! -, und trotzdem hoch geachtet vom „Lehrkörper“ und von den Eltern ist. Charisma halt, und alle fliegen darauf herein, auch noch Jahre danach. Da behauptet etwas, geerdet zu sein und ist es doch nicht.

Wegdiskutieren

Bestimmt hier schon einmal geschrieben, wegen wiederholter Erlebnisse hier aber nochmal wiederholt: Wie einfach es ist, Konflikte einfach wegzudiskutieren! „In xy gibt es einen Zirkus, der bei Schulverweigerung gut ist!“ – „In yz gibt es einen therapeutischen Bauernhof, der …“ – „In xhausen gibt es ein Internat, das …“ – „Haben Sie schon einmal an die ytherapie gedacht, hat bei x Wunder gewirkt!“ – Symptomatisch in all’ diesen Fällen: Es wird überhaupt nicht gefragt, wie es denn geht, sondern wie bei einem Bomber wird der Ratschlag abgeworfen und schnell abgedreht. Es ist übrigens ganz egal, ob es sich bei der Gesprächspartnerin/dem Gesprächspartner um Lehrer/innen, Betreuer/innen, Eltern (hier auch egal, ob mit sozialpädagogischem Hintergrund oder nicht – die Unfähigkeit der Pädagogen wäre nochmal ein eigenes Thema!) handelt: Hauptsache, man hat mit dem Tipp ein gutes Werk getan und ist nicht mit der (vermutet: schlimmen) Wirklichkeit konfrontiert worden!

Zurzeit ist es Mode, in Waldorfschulen Qualitätssicherungszirkel einzuführen. Nichts dagegen, die Qualität zu überwachen und zu sichern. Nur sind Strukturen das eine und der Geist, in dem sie ausgeführt werden, das andere! Und so trifft es sich manchmal, dass schon ältere Qualitätssicherungsinstitutionen vorhanden sind, die weniger mit „Qualität“ als mit „Vertrauen“ benamst sind, in denen oft auch Eltern paritätisch sitzen – und die versagt haben. Warum sonst sollte man noch „Qualitätsxy“-Institutionen aufbauen. Kann man nur hoffen, dass diese Institutionen es schaffen, im richtigen Geist zu handeln. Denn sonst hat man einfach zwei Gremien, die Zeit verbrauchen und nichts nützen …

Merke: Ohne den Willen, Konflikte und Probleme offen anzusprechen und zu bearbeiten, lohnt sich kein Gremium!

In der Waldorfschule wird auf das Musische geachtet, das unterscheidet sie von der normalen Feld-, Wald- und Wiesenschule. Das ist die landläufige Meinung. Das Kind soll auch ein Musikinstrument lernen, sollte es auch, will es nicht im Blockflötenrest versumpfen. Denn es gibt Klassenorchester und diese machen Projekte. Wunderbar! Können dann Eltern und Verwandte und Bekannte kommen und hören, wie musisch das ist.
Gibt es einen Pferdefuß? Es gibt! Wenn Ihr Kind ein Instrument lernt und hier Unterricht hat, dann wird der Musiklehrer des privaten Unterrichts nicht selten eingespannt in das musische Geschehen der Waldorfschule. Schließlich muss, wenn das Instrument erst später begonnen wurde, das Kind aufholen und dann bekommt es die Noten dessen, was gespielt werden soll, mit nach Hause mit dem Hinweis, dies möge der Instrumentallehrer der Musikschule doch mit durchnehmen. Das ist nett: Denn oft ist das Stück, das in der Klasse gespielt wird, nicht soo geeignet, muss transponiert werden und dann dürfen der Instrumentallehrer (dessen didaktischer Aufbau hier ungefragt durchkreuzt wird) und das Kind das dann üben. Die Motivation des Kindes leidet darunter, denn es hat somit einen heimlichen Sonder-Musikunterricht, der mit der Schule verbandelt ist und nichts eigenes; und die Eltern haben somit eine gewisse Extra-Gebühr für die Schule, indem der Musikunterricht fremdbestimmt wird. Nicht so schlimm? Kommt drauf an, beispielsweise auf die Motivation des Kindes.
Man würde zumindest erwarten, dass da zunächst gefragt wird. Wird aber nicht. Es wird vorausgesetzt. Denn man ist ja – ach! – so musisch. Echte Pädagogen würden anders handeln …

Noch Jahre nach dem Konfliktfall fallen meiner Frau Dinge aus den Gesprächen mit der Lehrperson, mit welcher wir den Konflikt hatten, ein. Und noch nach Jahren kommt uns immer wieder, wie unterschiedlich wir die Dinge wahrgenommen haben: Sie stand quasi an vorderster Front, ich eher im Hintergrund, zum Teil aus Krankheitsgründen, zum Teil auch, weil wir meinten, es nicht durch das doppelte Erscheinen eskalieren zu lassen. Frommer Wunsch! Denn die andere Seite eskalierte, erschien zu mehreren, dominierte die Sichtweise dessen, was geschehen war, dessen, was bereits besprochen worden war. Deutungshoheit!
Wenn Sie einmal im Konflikt mit Waldorflehrern sind: Gehen Sie immer zu zweit! Ihr Kind hat ein Recht auf zwei Anwälte, der Lehrer/die Lehrerin ein Recht auf differenzierte Rückmeldung und ihr/e Partner/in ein Recht auf Rückhalt und gegenseitige Stärkung. – Im Nachhinein hat sich diese Nachgiebigkeit als ein entscheidender Fehler herausgestellt. Lassen Sie sich auch den Zeitplan nicht diktieren, innerhalb dessen etwas zu besprechen ist, gut’ Ding will Weile haben und eine Konfliktbearbeitung benötigt alle beteiligten Personen. Wenn man Ihnen suggeriert, es reiche ja, wenn nur ein Elternteil erscheint, ist es recht wahrscheinlich, dass man Sie über den Tisch ziehen will. Uns jedenfalls ist es so gegangen.

In der Sommerzeit wird in manchen Waldorfschulen werden „Olympische Spiele“ gemacht, oft in Camps, in denen alte Sportarten wie z.B. Dreisprung oder Lanzenwerfen geübt werden. Den Abschluss bildet dann ein Wettkampf von Mannschaften. Es soll dabei weniger auf Leistung ankommen, sondern auch auf „schöne Bewegungen“. Schön, dass das Leistungsprinzip hier durchbrochen wird! – Dass das soziale Miteinander dabei auf der Strecke bleiben kann, zeigt folgende Anekdote: Die Wettkämpfe hatten Stunden gedauert und alle waren hungrig und gleichzeitig dräute schlechtes Wetter. Ich half noch mit aufräumen und kam dann später zum Buffet, das überdacht war und wo man sich rotierend bewegen sollte, damit alle dran kamen. Rotieren? Wer sich nicht drängen wollte, stand buchstäblich im Regen. Also auch hier Ellenbogengesellschaft und wer nicht mitmachen will, hat Pech gehabt. Schöne Gesellschaft!

Die betreffende Pädagogin ist in der Schulgemeinschaft hoch angesehen, weil sie sich engagiert, weil sie – was ist die Steigerung von Engagement? Richtig: Opfer – sich opfert. Dass das keine gesunde Art ist, sich einzubringen, dass es gerade in pädagogischen Berufen nötig ist, Maß zu halten, das wird nicht thematisiert. Dass das Burn out-Syndrom eine fast unausweichliche Folge davon ist und was dann die Folge für jene ist, mit denen die pädagogische Kraft zu tun hat, das wird nicht gesehen. Pädagogik bedeutet doch, mit der richtigen Methode, dem richtigen Maß und den richtigen Inhalten zu hantieren, sonst liegt irgend etwas daneben. Und wenn dies im Umfeld nicht gesehen, nicht thematisiert wird, dann liegt auch das Umfeld daneben, nicht nur die pädagogische Kraft.
Opfer bringt Opfer hervor: Jene, die falsch beurteilt, falsch behandelt und dann ausgesondert wurden, sind Opfer des falschen Handelns der pädagogischen Kraft und der falschen Beurteilung des Umfelds. Sie dürfen allein mit dem fertig werden, was an ihnen getan wurde, dürfen Schulämter, Therapeuten, Ärzte noch und nöcher besuchen, dürfen sich Theorien über Theorien anhören, mit oder ohne Anamnese, mit oder ohne Grund – sind in der Mühle des Ausgestoßenen. Und sie dürfen miterleben, wie weiter Opfer produziert werden, denn das Umfeld, das nicht genau hinsehen mag, ist umfangreich, und die Schuld, die dem Opfer zugeschrieben wird, weil es ja so bequem ist, die Sache mit einer einfachen Schuldzuschreibung ablegen zu können, ist gefälligst von diesem zu verarbeiten. – Es ist mir nicht geläufig, ob sich die Viktimologie sich außer um Kriminalfälle auch um andere Felder kümmert, beispielsweise die Pädagogik. Wenn sie es wollte, hätte sie meiner Erfahrung nach dazu jeden Grund!

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